Unterwegs oder wie ich mein Leben an die Hand nahm

Skizze: ein Rucksack, eine Trinkflasche und ein paar Wanderschuhe auf einer Wiese. Dazu eine zarte Margerite.

Das Leben wartet nicht. Es stapft in Siebenmeilenstiefeln über mein Zögern hinweg.
Es springt in die Pfütze, während ich noch überlege, ob ich mir die Schuhe nass machen will oder nicht.
Es geht voran und schaut nicht zurück, und wenn ich zu lange an der Weggabelung stehen bleibe um zu überlegen, wohin ich gehen will, verliere ich es aus den Augen.
Manchmal möchte ich ihm zurufen: Nicht so schnell, warte doch mal, ich komme nicht mehr mit!
Aber es schert sich nicht um meine Langsamkeit. Es pfeift das Lied des Fortschritts, während meine Haare grau und meine Beine müde werden. 
Manchmal, sehr selten, schenkt es mir eine Verschnaufpause. 
Dann sitzen wir kurz gemeinsam am Wegesrand und schauen den Wolken zu. Ich fühle mich dann immer etwas unbehaglich. So nah beieinander, das Leben und ich. Fremd und ungewohnt.

Warum gehst du so schnell vorbei, frage ich heute.
Es ist das erste Mal, dass ich es direkt anrede und ihm ins Gesicht schaue. Es sieht genauso erschöpft aus wie ich, das macht mir ein bisschen Angst.
Warum erlaubst du uns nicht, alles etwas langsamer angehen zu lassen, frage ich. Warum der ganze Stress?
Das Leben kuckt mich verdutzt an und kratzt sich am Kopf.

Wie kommst du denn darauf, dass ich das Tempo bestimme, fragt es mich.
Ich kucke erstaunt zurück. Tust du nicht?
Nein, sagt es. Ich bin doch dein Leben. Ich gehöre dir seit über fünfzig Jahren, und du kannst mit mir machen, was du willst. Ich kann dir gar nicht davon laufen.

Aber - sage ich - du rennst doch immer vorweg, ich kann dich nie einholen!

Vielleicht, sagt mein Leben, liegt das daran, dass du mich immer woanders suchst? Du machst jede Menge Umwege und überlegst, was du mit mir anfangen willst. Könntest mich auch einfach an die Hand nehmen, dann rennen wir auch nicht mehr dauernd aneinander vorbei.

Das muss erstmal sacken, ich schaue betreten auf meine Schuhe. Ein kleines Schweigen macht sich zwischen uns breit, klemmt sich zwischen uns ein wie ein zerknautschtes Kissen. 

Aber - wende ich nach einer ziemlich langen Weile ein - man kann doch sein Leben nicht festhalten, oder? 

Nein, sagt es, festhalten geht nicht. Aber du könntest dich langsam mal mit mir anfreunden, ein anderes kriegst du nämlich nicht, wir müssen es miteinander aushalten. Es würde sich allerdings viel netter anfühlen, wenn du nicht dauernd nach etwas besserem Ausschau halten würdest. Ich bin schon da, und ich habe Proviant im Rucksack. Der reicht für uns beide, egal wie lange wir unterwegs sind.

Gut, sage ich. Dann gebe ich mir einen Ruck, reiche meinem Leben die Hand und fühle mich sehr verwegen.
Lass uns weitergehen, und erzähl mal was von dir.
Es grinst mich an und streicht sich eine graue Haarsträhne hinters Ohr. 

Ok. Sagt es. Du gehst vor, aber ich nehme den Rucksack.


Diesen Text habe ich mir selbst zum 50. Geburtstag geschrieben, ist auch schon wieder ein Weilchen her.
Mein Leben und ich zanken uns immer noch gelegentlich über den richtigen Weg, aber wir kriegen es inzwischen besser hin, das Hand-in-Hand gehen.


Dir gefällt dieser Text?

Dann freue ich mich über einen kleinen Beitrag für mein Schreib-Sparschwein.
Für Fortbildungen, Kaffee, Schreibworkshops ... und ganz vielleicht irgendwann ein Buch.
Man soll ja Träume haben.
Klick einfach auf das Bild mit dem kleinen Raumschiff, dann wirst Du zur PayPal-Seite weitergeleitet.

Noch ein Hinweis:  
Alle meine Texte und Zeichnungen unterliegen dem Urheberrecht.
Bei Interesse an einer Verwendung bitte ich um vorherige Anfrage.

Dankeschön!

Zurück
Zurück

Himmelhoch

Weiter
Weiter

Beifahrer Nr. 5