Wildwuchs im Ideengarten
Diesen Text widme ich allen fabelhaften kreativen Menschen, die - so wie ich - nie genug Zeit, aber immer zu viele Ideen haben.
Und ich lege ihn wärmstens all jenen ans Herz, die - wohlmeinend, aber meist ahnungslos - zu uns sagen: Ja, Ideen müsste man haben. Ach, wäre es doch nur so einfach.
Auf meinem Werktisch wächst der Fantasiegarten - viel zu langsam für mein ungeduldiges Naturell. Aus dem Pinsel fließen die Motive immer in Blitzgeschwindigkeit, und dann folgen Tage, manchmal Wochen in der Werkstatt, bis einige neue Werke fertig sind: Unterwasserwelten, kleine Wälder, oder eine Blumenwiese unter dicken Regenwolken.
Schneller, als ich ihnen mit Stift und Pinsel folgen kann, sausen meine Ideen heran. Manche flattern vorbei wie Schmetterlinge im Wind. Andere setzen sich fest, schlagen Wurzeln und bilden Ausläufer - und wenn ich nicht aufpasse, werden daraus unversehens endlos lange Ranken, in denen ich mich verheddere.
Dann herrscht Stillstand, während sich die Ideen in meinem Kopf drängeln und um die besten Plätze zanken. Das tun sie am liebsten, wenn ich so etwas wie Ruhe habe, zum Beispiel vor dem Einschlafen.
Dann kommen sie aus den abgelegenen Hirnwindungen hervor, wo ich sie vorübergehend zwischengelagert hatte und starten lauthals ihre Werbekampagne:
Das Buchprojekt! Der Kalender mit eigenen Illustrationen! Neue Objekte, Bilder, Schmuckstücke! Mit Wolken! Mehr Wolken! Vielleicht eine Himmelsleiter!
Zwischen all diese wunderbaren Ideen schieben sich mit strenger Miene die Pflichten. Sie besetzen immer Plätze in der ersten Reihe und stellen sofort den Fuß in die Tür, wenn es ein paar der Ideen bis an die Schwelle geschafft haben.
Am nächsten Morgen, nach unruhiger Nacht, geht das Gezanke weiter.
Ich halte meinen summenden Kopf aus dem Fenster in die frische Luft.
Eine Runde Radfahren hilft auch, am besten mit viel Wind.
Und dann ziehe ich meine Gartenschürze an und gehe Aufräumen.
Ich bin eine Ideengärtnerin, die immer wieder vor der gleichen Herausforderung steht:
Wo setze ich die Schere an, was reiße ich aus oder lasse es still eingehen - und wo gebe ich Dünger, investiere Zeit, Kraft und auch Geld? Stehe ich am Ende in einem summenden Blumenfeld und habe den Erntekorb voll mit saftigen Früchten? Oder habe ich viel Energie in etwas gesteckt, was mir später unter den Fingern zerbröselt und vom Wind davon getragen wird?
Zu guter letzt sind da noch die Dämonen, meine treuen Begleiter.
Sie lungern in der Werkstatt oder unter meinem Schreibtisch herum und beginnen unverzüglich mit ihrer Sabotage, sobald ich eine Idee verwirklichen will und mit der Arbeit beginne.
“Ach kuck mal”, grölen sie und hauen sich dabei gegenseitig auf die buckligen Schultern. “Jetzt fängt sie wieder mit dem Geschreibsel an. Die hat wohl zu viel Zeit. Und wer will das lesen?”
Johlend streuen sie Sand in meine Tastatur, schnappen nach meiner Hand und bauen einen Scheiterhaufen aus meinen Malpinseln.
Mit Forken und Spitzhacken soll es meiner Idee, meinem Mut und meiner Vorfreude an den Kragen gehen.
“Sie glaubt wohl, die Welt braucht das bunte Zeug was sie da herum kleckst, waaaahahhahaaa!”
Dieses hässliche Konzert höre nicht nur ich, es schallt vermutlich fast allen kreativ schaffenden Menschen regelmäßig in den Ohren.
Es lähmt, es hemmt, und es ist zerstörerisch, wenn man ihm zu lange lauscht.
Wird man diese Landplagen irgendwann los? Ich fürchte nicht.
Das wirksamste Mittel gegen ihre Invasion ist trotziges Tun. Mutig anschreiben gegen das Geheul. Auch die ungewohnten, abwegigen Ideen hegen und pflegen. Weiter Zeichnen, Formen, Schmieden. Neu anfangen, auch zum hundertsten Mal.
Und so nehme ich meine Werkzeuge und lasse meine Hände ihre vertraute Arbeit verrichten: Ich heize die Flamme an, bringe Metall zum Schmelzen und Farben zum Glühen.
Und langsam, ganz langsam werden die gehässigen Stimmen leiser und verstummen irgendwann ganz.
Dann beginnt er von neuem, der Zauber, und mein wundervoller bunter, wilder Garten fängt wieder an zu erblühen.
“Kleines Gartenglück” Kupfer, Emaille, Aquarell.
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