Silberhochzeit mit meinem Beruf

Zeichnung eines Goldschmiedewerktisches, viel Werkzeug liegt herum, eine Lötflamme brennt. Hintergrund helles Türkis, fröhliche Flammen.

Mit den Zahlen habe ich es nicht so. Mein Gehirn merkt sich die seltsamsten Dinge, vergisst oder verwechselt dafür fröhlich dies und das, am liebsten Termine. Es sortiert diese auch gerne selbstständig und ungefragt um oder direkt aus.
Warum erzähle ich das? Ich habe es glatt fertig gebracht, mein 25 jähriges Berufsjubiläum um genau ein Jahr zu verpassen.
Im Januar 2000 bekam ich feierlich meinen Gesellenbrief überreicht und war frisch gebackene Goldschmiedin.
Ich kann mich noch sehr gut an das Gefühl erinnern, das damals alles andere überstrahlt hat:
Abgrundtiefe Erleichterung darüber, dass es endlich geschafft war.
Der Weg zur erfolgreichen Prüfung hat bei mir etwas länger gedauert und verlief nicht ohne reichlich holprige Umwege, Abbrüche und Neuanfänge.
Auch noch in der Selbständigkeit zog es mich immer wieder weg vom Werktisch. Viellicht doch nochmal studieren? Oder einen sozialen Beruf erlernen? Das ist doch so viel wichtiger, das wird wirklich gebraucht, da geht es doch um so viel mehr als um schöne Dinge, perfekte Quadrate* oder glitzernde Edelsteine.
Am Ende saß ich jedoch immer wieder am Werktisch, die Hände schwarz von Staub und Dreck, das Herz ruhig, für den Moment.

Das größte Abenteuer startete im Jahr 2007 mit dem Atelier kleine Freiheit.**
Endlich frei, den Bauch voller Angst, den Kopf voller Ideen.
Mit dem selbstgebauten Präsentationstisch ging es auf die ersten Ausstellungen.
Und mit den ersten Kunstobjekten und Zeichnungen raus in die Welt: Hasen im Boot auf Treibholz.
Ja, es waren Hasen. Kleine mutige Angsthasen, die ich vorausschickte in ihren Segelschiffchen.
Viele Jahren lang haben sie für mich das Terrain erkundet, sind in alle Winde gesegelt, wurden irgendwann zum festen Repertoire - und durften eines Tages in den Angsthasen-Ruhestand, als ich langsam begriffen habe, dass ich vermutlich doch nicht untergehen werde.

Miniskulptur zwei Hasen im Boot mit Fernrohr, ein Stern am Bug. Boot sitzt auf Treibholz

“Sternengucker” 2017

Mein Beruf passt mir inzwischen. Ich bin hineingewachsen, habe ihn mir nach und nach selbst auf den Leib geschmiedet.
Ich darf jeden Tag Menschen mit meiner Arbeit eine Freude bereiten, die länger hält als eine gute Tasse Kaffee, eine Reise, ein Abend im Theater. Was auf meinem Werktisch entstanden ist, seien es Schmuckstücke oder Kunstwerke, begleitet Menschen durch ihre Leben. In Freude, in Liebe, in Erinnerungen, in Trauer und im Andenken.
Und das nun schon seit über einem Vierteljahrhundert.

Ich gehe jetzt feiern. Mit mir selbst und mit meinem Gesellenbrief, auf den ich mittlerweile sehr stolz bin.
Prost!


* Dem perfekten Quadrat habe ich längst Adieu gesagt, und auch wenn gelegentlich ein schöner Edelstein auf meinem Tisch liegt: Farbe kommt bei mir aus dem Brennofen, und jetzt juckt es mich richtig in den Fingern.


**Das Atelier hat übrigens kommendes Jahr seinen zwanzigsten Geburtstag. Den feiern wir dann alle zusammen, und DER Termin wird garantiert nicht vergessen!

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Die schwarze Linie