Bitte frei machen
Ich säge an alten Ästen, werfe faule Eier aus dem Nest, drehe alles auf links. Frühjahrsputz in der Werkstatt!
Ein Jahr lang will ich mich ganz der Kunst widmen. Skulpturen bauen, zeichnen, schreiben, experimentieren.
Der „kleinen Freiheit“ wieder auf die Spur kommen und nach über fünfundzwanzig Jahren eine Auszeit vom klassischen Goldschmieden nehmen. Ein lang gehegter Wunsch, den ich immer wieder zur Seite gelegt habe, weil er mir ein bisschen Angst gemacht hat. Aber er hat nicht locker gelassen, hat regelmäßig vorbeigeschaut und mir die Tür aufgehalten.
Komm, sagt er und boxt mich freundschaftlich in die Seite, lass es uns doch wenigstens mal versuchen!
Pünktlich zum Frühlingsbeginn sitze ich jetzt also in den Startlöchern und kann es kaum abwarten, endlich anzufangen.
Meine Werkstatt glänzt, Zangen und Hämmer duften nach Maschinenöl, die Gedanken sind frei und die Ideen wuchern wild. Die Fenster sind weit offen und ich stehe in der Tür, bereit für alles was kommt.
Und dann...finde ich den rumpeligen Kleiderschrank und die Büroarbeit plötzlich viel wichtiger und schaue, was ich den Blumenkübeln auf der Terrasse gutes tun kann.
Derweil funkeln die polierten Schmiedehämmer, Ambosse und Zangen um die Wette, und ich…halte ehrfürchtig Abstand, traue mich nicht ran an das, was werden will. Die neue Freiheit, auf die ich so lange hingearbeitet habe - sie ist mir plötzlich unheimlich.
Und so halte ich mich noch einmal für einen Moment fest am Gewohnten. Setze mich auf den alten quietschenden Schemel, zünde die Lötflamme an und lege alles bereit was ich brauche. Meine Hände finden sich wie von allein zurecht, biegen Ösen aus Silber, hängen sie ineinander, eine nach der anderen.
Zentimeter für Zentimeter wächst die Kette unter meinen Fingern. Die Lötflamme rauscht mit fast tausend Grad, und der Hammer tanzt auf den Ösen. So entsteht die Ankerkette, wie sie schon Generationen von Goldschmieden vor mir gefertigt haben. Ovale Ösen, jede einzelne von Hand gewickelt, aufgesägt, eingehängt, zugebogen, verlötet, versäubert, geschmiedet, poliert.
Stunde um Stunde vergeht, und je länger die Kette in meinen Händen wird, desto ruhiger werde ich.
Ich gehe vor Anker, finde zurück zum Anfang und verliere unterwegs endlich die Angst vor der Freiheit.
Am nächsten Tag räume ich in der Werkstatt fast alles weg, was ich für das Herstellen von Schmuck brauche.
Ein paar Stunden später herrscht wildes Chaos auf meinem Tisch. Papiermodelle, Skizzenblätter, Holzstücke, Prototypen, mittendrin lauter kleine Freudenfunken.
Die Ateliertür steht weit offen und die Freiheit weht herein. Nicht mehr in Sturmstärke, aber immer noch kräftig genug, um für eine Weile jeden Anflug von Ordnung auf meinem Tisch zu vereiteln.
Genauso habe ich es mir gewünscht.
…
Nachtrag, fast zwei Jahre später: Die Kunstwerke, die in dieser Zeit entstanden sind, liegen mir sehr am Herzen.
Sie sind auf unserer gemeinsamen Webseite zu sehen.
Aber sie haben mir auch Grenzen gesetzt, nicht nur was die Kraft meiner Hände angeht, die das ganz kleine, zarte und filigrane gewohnt sind. Trotzdem bin ich unglaublich froh und dankbar, dass ich mir diese Zeit des Ausprobierens geschenkt und nicht gekniffen habe. Es war ein Schritt auf dem Weg, den ich immer noch gehe, und der vermutlich nie wirklich zu Ende geht.
Kommentare: 1
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Kirsten (Samstag, 02 März 2024 20:44)
So schöne Worte. Worte die ich unterschreiben kann. Auch ich suche wo die Reise hingehen soll. Wie kostbar das Du Dich ausprobierst. Dein Mut soll belohnt werden. Ich wünsche Dir ein geniales, erfolgreiches und kreatives Jahr.