Beifahrer Nr. 4

Januar 2024
Route: Westküste Richtung Kiel. Eiskalt.
Playlist: Überwiegend Verkehrsmeldungen wegen der Bauernproteste

Zwei Tage an der Nordsee. Eiskalt, weiß glitzernde Kruste über erstarrten Wellen, die Schritte knacken auf der erfrorenen Deichkrone.
Wir schlittern mit Schlagseite aber ohne Unfall. Bin ja schon reingefallen ins neue Jahr. Teppichkante übersehen, zur Belohnung zwei hübsche Pflaster auf den Knien.

Ausblick aus dem Beifahrerfenster: Plattes Land, kahle Baumreihen, schräg geföhnt vom Wind. Schafe, wie kleine Wollknäuel auf verschneite Wiesen getupft.
Windparks, heute bewegungslos. Die Flügel der riesigen Turbinen stecken im grauen Himmel wie die Arme steif gefrorener Tänzer. Meer ist nicht zu sehen, das Land macht sich zu breit, Deiche versperren die Sicht aufs Wasser.

Wir passieren Dörfer die auf -büttel enden oder -büll, lassen das Kohlmuseum links liegen, ebenso den Landgasthof mit Brataal satt. Am Fenster fliegen noch mehr Windparks vorbei, schmucke oder weniger schmucke Höfe, in Küstennähe höher gelegt auf Warften. Was Sturmfluten können, haben wir verwöhnten Ostseekinder inzwischen auch erlebt, man schaut nun schonmal genauer hin wenn man an der Kaikante vor den meterhohen Pegelanzeigern steht und von der großen Mandränke liest oder von der Eisflut.

Die Halbinsel Eiderstedt hat sich eine weisse Decke übergezogen, Dorfkrüge und Bauerncafés halten Winterschlaf, keine Friesentorte weit und breit. Menschen wehen am Strand entlang, eingepackt in knöchellange Daunenjacken. Wie wandelnde Schlafsäcke im Winterwind, dicke Pudelmützen obendrauf, gelegentlich hopst ein Hund im passenden Mäntelchen drum herum. 

Der Westerhever Leuchtturm, bis vor kurzem noch im Christo-Style verpackt, erstrahlt wieder in voller Pracht.
Rot-weiß gestreift glänzt er über den Salzwiesen, die heute so tun als seien sie die arktische Tundra.
Nachdem uns der Eiswind eine halbe Stunde lang ins Gesicht gebissen hat, ist das stille Örtchen am Leuchtturm ein warmer Ort der Freude. Klo macht froh. Steht so auf dem handgemalten Schild, da wusste jemand was er tut. 

Wir nehmen noch eine Nase voll vom vereisten Wattenmeer, verabschieden uns von vergoldeten Dünen und weiß überzuckerten Deichen und machen uns auf den Heimweg. 
Der wird lang, sehr lang. 
Wütende Bauern blockieren die Straßen quer durchs Land, auch unser kleines Auto klemmt zwischen riesigen Treckerreifen und dröhnenden Landmaschinen. Im Schneckentempo geht der Heimway durchs nordfriesische Nirgendwo, begleitet von Hupkonzerten, Blinklichtern und Feuertonnen am Wegesrand. 

Vom Nordseeidyll mitten rein ins Chaos dieser Zeit und ich hab Herzweh.

Kommentare: 1

  • #1

    Mama..... (Mittwoch, 10 Januar 2024 18:44)

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    Ich friere richtig beim lesen, und höre es unter meinen Füßen krachen......du hast den Winter eingefangen......

 

 

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